Prozessschleudertrauma

Als Snorrebaard die monatliche Statistik der Personalabteilung betrachtet, ist er völlig entsetzt: Wie kann es sein, dass der Krankenstand plötzlich doppelt so hoch ist wie normal?

Noch während er nachdenklich auf die Zahlen schaut, klingelt das Telefon.

„Schönen guten Tag, E-cheese GmbH, Snorrebaard am Apparat, was kann ich für Sie tun,“ meldet er sich.

An der andere Seite der Leitung entschuldigt sich sein Kollege Krullestaart, er könne heute nicht arbeiten. Er hat Kopfweh und es ist ihm schwindlig beim gehen.

„Und woher kommen die Beschwerden?“ möchte Snorrebaard wissen.

Krullestaart weiß es nicht.

„Aber überarbeitet bist du hoffentlich nicht, oder?“ fragt Snorrebaard vorsichtshalber nach.

„Nö…,“ antwortet Krullestaart. „Wieso soll ich denn überarbeitet sein? Nachdem du im Rahmen des anstehenden Börsengangs alle Entwicklungsbudgets eingefroren hast, gibt es eh nichts mehr für mich zu tun.“

Snorrebaard nickt stumm: jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, um eine Grundsatzdiskussion über die Notwendigkeit eines umfassenden Business-review vom Zaun zu brechen, bevor der neue Kurs eingeschlagen wird. Er wünscht seinem Kollegen gute Besserung und legt auf.

Aber das Gespräch stimmt ihn dennoch nachdenklich. Könnte der hohe Krankenstand vielleicht durch die, vor kurzem angekündigte Betriebsänderungen, ausgelöst worden sein? Und wenn ja, durch was genau?

Krullestaart entscheidet, der Frage wissenschaftlich auf den Grund zu gehen. Nach kurzem Überlegen, fällt ihm auch schon der richtige Test dazu ein: Heute morgen wird ein Kollege aus der Designabteilung von seinem Urlaub zurückkehren. Wie wird er wohl reagieren, wenn er von den letzten Firmenereignissen erfährt? Kurzerhand installiert Snorrebaard eine Webcam, damit er den Designkollege beim Lesen seiner E-Mails unauffällig beobachten kann. (Natürlich verstößt das gegen die Persönlichkeitsrechte der Mitarbeiter. Snorrebaard beschließt jedoch sich darüber hinweg zu setzten, zu Gunsten der Gesundheit seiner Angestellten.)

Kaum hat der Kollege sein E-Mail Programm hochgefahren, wird er – wie von Geisterhand – auf seinem Bürostuhl hin und her geschubst: Beim Lesen einer alten E-Mail mit dem Betreff: „Prototypen müssen 2 Wochen früher fertig sein“ sieht man wie sein Körper sich auf die Beschleunigung einstellt. Bei der Nachricht „All Projects on hold“, knallt er mit seiner Nase gegen der Monitor. Und die jüngste Mitteilung, dass die E-Cheese GmbH bald an die Börse gehen wird, versetzt seinen Bürostuhl in ein unkontrollierbares Schleudern. Kurz bevor der Proband sein Bewusstsein verliert, greift Snorrebaard in den Versuch ein.

Der Test belegt: ähnlich wie ein Rennfahrer ständig wechselnden Beschleunigungskräften (G-Kräfte) ausgesetzt ist, sind Büroarbeiter sogenannten „Iterationskräften“ (I-Kräfte) unterworfen. Insbesondere zum Ende der Entwicklungsphase und zum Anfang eines Kurswechsels sind die Belastungen extrem, was sich durch hohe Personalausfälle bemerkbar macht. Wenn dann auch noch der Betriebsprozess plötzlich ins Stocken gerät, der Mitarbeiter aber im Kopf noch in voller Geschwindigkeit unterwegs ist, kann durch den abrupten Bremsvorgang sogar ein Prozessschleudertrauma ausgelöst werden.

Iterative Prozesse und Iterationskräfte können ein Prozessschleudertrama auslösen

Obwohl das Problem sehr komplex ist, ist die Lösung denkbar simpel. Snorrebaard greift zum Telefon. „Hallo Krullestaart? Ich hab’s! Du hast bloß ein Prozessschleudertrauma erlitten. Gehe bitte zum Orthopäden und lass dir eine Halskrause verschreiben. Auf der Quatschgrube liegt noch ein Spielzeugrennwagen herum. Ich werde die Sitzschale ausbauen und dir einen I-Kraft-resistenten Arbeitsplatz einrichten.“

„Wie… du verlangst Schmerzensgeld?“

Die Quatschtronauten

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